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Aprilgedanken
Jesus spricht zu Thomas: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (aus dem Johannesevangelium, Kapitel 20)

30.03.2026
Ihr Lieben,
wir sehen nichts. Also zumindest das nicht, was Thomas damals hat sehen können: Jesus selbst, Jesus, von dem die Frauen erzählt hatten, er sei auferstanden. Normalerweise werden die Worte aus dem Johannesevangelium so gedeutet: Thomas war der Zweifler. Thomas musste Jesus sehen, um wirklich an Gott, an den Auferstandenen glauben zu können. Heute möchte ich sie einmal anders lesen: Thomas war einer von denen, die den Frauen nicht glauben wollten. Und Jesu’ Antwort weist dann nicht auf mangelndes Gottvertrauen hin, sondern auf Thomas’ kleinen, aber feinen Sexismus. Selig, die glauben, was die Frauen gesagt haben. Selig, die zuhören. Selig, die nicht verifizieren müssen, was Frauen berichtet haben. Ok, vielleicht ist das nur meine Deutung angesichts der momentanen Debatte zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ und deren Instrumentalisierung. Also noch mal:
Wir sehen nichts. Wir haben, anders als Thomas, keine Chance, Jesus selbst noch mal zu treffen. 2000 Jahre nach seinem Tod ist der Auferstandene nicht mehr greifbar. Schon lange in den Himmel gefahren, wo er zur Rechten Gottes sitzt (wie wir im Glaubensbekenntnis sprechen). Unser Glaube lebt im Nicht-Sehen. Im Nicht-Anfassen-Können. Das ist wirklich ein großer Glaubensschritt, der von uns erbracht werden muss. Quasi ein Hineinschreiten ins Ungewisse. Die jüdische Dichterin Hilde Domin schrieb ein wundervolles, kurzes Gedicht. Es heißt: Ich setzte den Fuß in die Luft - und sie trug. Mehr Glauben geht nicht.
Wir sehen nichts. Und oft genug ist der Zweifel an dem, was wir nicht selbst gesehen und gehört haben, groß. Das ist keine schlechte Grundhaltung: hinterfragen, zweifeln, nicht direkt glauben. Im besten Fall sind wir so geschützt vor Fake News. Im besten Fall entsteht aus dieser Haltung investigativer Journalismus, kritische Leserschaft, eine aufgeklärte Gesellschaft. Im schlimmsten Fall führt es dazu, dass Menschen nicht mehr geglaubt wird, dass die Frauen zwar von der Auferstehung berichten und quasi sogar eidesstattlich belegen können, dass ein Engel ihnen diese Botschaft gesagt hat, aber dass es nicht reicht gegen den Zweifel, gegen das herablassende Lächeln und den paternalistischen „Ich erklär dir jetzt mal die Welt“- Modus.
Wir gehen in diesen Tagen auf Ostern zu. Hören eine Botschaft, die ganz und gar nur zu glauben ist. Weil wir den Auferstandenen eben nicht mehr sehen können. Wir unsere Finger nicht in seine Wundmale legen. Wie auch immer wir die Debatte zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ wahrnehmen: die Auferstehung Jesu, sein ganzes Leben und auch sein Tod erzählen von einer Welt, in der alle Menschen die gleiche Würde haben. Kein Mensch mehr Besitz eines anderen ist, niemand mehr herabgewürdigt, verachtet, verleugnet wird durch einen Anderen. Jesu ganzes Leben von Beginn im Stall bis zu seiner Himmelfahrt am Ende ist dafür ein Zeichen: für eine gerechte Welt, in der Gottes Wahrheit das letzte Wort hat. In der alle Menschen das Leben haben, in Jesu Worten: und ihr sollt es haben in Fülle.
In diesem Sinne eine gesegnete Heilige Woche und ein wahrhaftiges Osterfest!